Acne inversa und Herzgesundheit: Warum die neue Leitlinie regelmäßige Kontrollen empfiehlt Canonical URL: https://www.acneinversa.life/de/blog/acne-inversa-herz-kreislauf-kontrollen/ Markdown URL: https://www.acneinversa.life/de/blog/acne-inversa-herz-kreislauf-kontrollen.md Plain text URL: https://www.acneinversa.life/de/blog/acne-inversa-herz-kreislauf-kontrollen.txt Language: de Category: Doctor Visits Published: 2026-09-12 Last updated: 2026-09-12 Last editorially reviewed: 2026-09-12 Next scheduled review: 2027-09-12 Evidence strength: Starke Evidenz — Von internationalen Leitlinien und hochwertigen Studien gut belegt. Author: Dr. rer. nat. Dennis Alexander Kwiatkowski (Biochemist, Scientific Writer and Pharma Expert) Scientific editor: Dr. rer. nat. Dennis Alexander Kwiatkowski Reviewer qualifications: Biochemist, Scientific Writer and Pharma Expert Review scope: Fachliteratur, Leitlinien, Quellen und redaktionelle Verständlichkeit Clinical reviewer: Keine unabhängige ärztliche Prüfung Tags: Acne Inversa, Hidradenitis Suppurativa, HS, Doctor Visits, Herz-Kreislauf, kardiovaskuläres Risiko, S2k-Leitlinie, Vorsorgeuntersuchung, Begleiterkrankungen Die neue europäische S2k-Leitlinie (2026) empfiehlt eine kardiovaskuläre Risikoeinschätzung bei HS zum Erstbesuch und danach mindestens jährlich. Was das bedeutet – und was nicht –, plus eine konkrete Formulierung für Ihr nächstes Hausarztgespräch. Medical disclaimer: Diese Website dient nur der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bitte wenden Sie sich bei Beschwerden oder Therapiefragen an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal. In 60 Sekunden - Die neue europäische Leitlinie (2026) empfiehlt eine kardiovaskuläre Risikoeinschätzung bei HS zum Erstbesuch und danach mindestens jährlich. - Das bedeutet nicht, dass HS Ihr Herz automatisch schädigt – es bedeutet, dass Herz-Kreislauf-Risikofaktoren in Studien bei HS-Gruppen häufiger vorkommen als in Vergleichsgruppen. - Blutdruck und – je nach Risikoprofil – Blutfette gehören bereits zur allgemeinen Vorsorge in Deutschland; HS ist ein zusätzlicher Grund, diese Vorsorge nicht zu übersehen. - Eine ausführliche Darstellung der Evidenz und Mechanismen finden Sie im begleitenden Artikel zu metabolischem Syndrom und Acne inversa. Was das bedeutet: Dies ist kein Grund zur Panik, sondern ein Grund, die allgemeine kardiovaskuläre Vorsorge, die Ihnen ohnehin zusteht, nicht wegen der HS-Termine zu vernachlässigen. Was noch unsicher ist: Wie stark das individuelle Risiko erhöht ist, lässt sich nicht aus Gruppendaten ablesen – das erfordert eine persönliche Einschätzung durch Ihre Hausarztpraxis. Was Sie als Nächstes tun können: Fragen Sie bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt gezielt, ob Ihre kardiovaskuläre Vorsorge aktuell ist. Article Nicht: „Acne inversa verdoppelt Ihr Risiko, an einer Herzerkrankung zu sterben." Sondern: Menschen mit HS haben in Beobachtungsstudien höhere Raten mehrerer kardiovaskulärer Risikofaktoren und Ereignisse als Vergleichsgruppen – und die neue europäische Leitlinie empfiehlt deshalb eine kardiovaskuläre Risikoeinschätzung zum Erstbesuch und danach mindestens jährlich. Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist der ganze Punkt dieses Artikels. Die Datenlage rechtfertigt Aufmerksamkeit, nicht Sorge – und Aufmerksamkeit lässt sich in etwas sehr Konkretes übersetzen: eine wiederkehrende, unaufgeregte Kontrolle, die ohnehin Teil der allgemeinen Vorsorge ist. Dieser Artikel ordnet ein, was die neue Leitlinie zu diesem Thema sagt, was die zugrunde liegende Evidenz zeigt, und was Sie konkret bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt ansprechen können. Für die ausführliche Darstellung der Mechanismen und Zahlen verweist er auf den bereits bestehenden, vertiefenden Artikel zu metabolischem Syndrom und Acne inversa. Nur zur Information. Dieser Artikel erklärt eine Screening-Empfehlung aus der aktuellen Leitlinie. Er kann Ihr individuelles kardiovaskuläres Risiko nicht einschätzen und ersetzt keine ärztliche Beurteilung. Das Wichtigste in Kürze - Die neue europäische S2k-Leitlinie (2026) empfiehlt eine kardiovaskuläre Risikoeinschätzung bei HS zum Erstbesuch und danach mindestens jährlich. - Das beruht auf Beobachtungsstudien, die bei HS-Gruppen höhere Raten kardiovaskulärer Risikofaktoren und Ereignisse zeigen als in Vergleichsgruppen – ein Zusammenhang auf Gruppenebene, keine individuelle Vorhersage. - Die empfohlene Kontrolle ist überwiegend hausärztliche Routine: Blutdruck, Anamnese, je nach Risikoprofil Blutfette. - Eine Kardiologie-Überweisung ist nicht routinemäßig nötig, sondern bei konkreten Symptomen oder deutlich erhöhtem Risiko sinnvoll. - Diese Vorsorge steht Ihnen in Deutschland ohnehin zu – HS ist ein zusätzlicher Grund, sie nicht zu übersehen, keine neue Sonderleistung. Was die neue Leitlinie konkret sagt Wie im begleitenden Artikel zum Begleiterkrankungs-Screening (/de/blog/acne-inversa-begleiterkrankungen-untersuchungen/) beschrieben, ordnet die neue europäische S2k-Leitlinie (Teil 1, 2026) mehreren Begleiterkrankungsbereichen eine konkrete Empfehlung zum Zeitpunkt der Abklärung zu. Für Herz und Kreislauf lautet diese Empfehlung: zum Erstbesuch und danach mindestens jährlich. Das reiht HS in eine Kategorie ein, die mit einem wiederkehrenden, routinemäßigen Rhythmus behandelt wird – ähnlich der allgemeinen Vorsorgeuntersuchung, nicht wie eine seltene Sonderabklärung. Das ist eine Weiterentwicklung gegenüber der Vorgänger-Leitlinie von 2015, die kardiovaskuläre und metabolische Begleiterkrankungen zwar nannte, aber ohne einen vergleichbaren Rahmen dafür, wann genau eine Kontrolle erfolgen sollte. Was die Evidenz zeigt – kurz zusammengefasst Die kardiovaskuläre Dimension der HS gehört zu den am besten belegten Begleiterkrankungs-Zusammenhängen überhaupt: - Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie fand ein etwa doppelt so hohes Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse und eine 1,7- bis 2-fach höhere kardiovaskulär bedingte Mortalität bei HS im Vergleich zu Kontrollpersonen. - Das metabolische Syndrom – ein Cluster aus Adipositas, Bluthochdruck, Dyslipidämie und gestörtem Glukosestoffwechsel – tritt bei HS-Patientinnen und -Patienten etwa vier Mal häufiger auf als in vergleichbaren Kontrollgruppen. - Das erhöhte Risiko wird nicht allein durch Adipositas erklärt: Auch nach Korrektur für den BMI trägt HS unabhängig zum kardiovaskulären Risiko bei, ein Muster, das mit chronischer systemischer Entzündung als eigenständigem Risikofaktor übereinstimmt. Diese Zahlen sind Gruppenzusammenhänge aus Beobachtungsstudien. Sie sagen, dass diese Ereignisse in HS-Populationen häufiger gefunden wurden als in Vergleichsgruppen – sie sagen nichts über Ihre eigene, persönliche Wahrscheinlichkeit aus, und sie beweisen nicht, dass HS bei einer einzelnen Person eine Herzerkrankung verursacht hat. Wer die vollständige Herleitung dieser Zahlen, die biologische Erklärung und die Behandlungskonsequenzen im Detail nachlesen möchte, findet das im begleitenden Artikel zu metabolischem Syndrom und Acne inversa (/de/blog/metabolisches-syndrom-acne-inversa-herz-kreislauf-risiko/). Was das für Ihre Vorsorge bedeutet Die kardiovaskuläre Risikoeinschätzung, die die Leitlinie empfiehlt, ist überwiegend das, was ohnehin zur allgemeinen Vorsorge gehört: - Blutdruckmessung – regulär in jeder hausärztlichen Vorsorge enthalten, unabhängig vom Alter. - Anamnese und Risikofaktoren – Rauchstatus, familiäre Vorbelastung, Bewegung, weitere bekannte Erkrankungen. - Blutfette – ab 35 Jahren regulär im Rahmen des Gesundheits-Check-ups enthalten; bei jüngeren Erwachsenen abhängig vom individuellen Risikoprofil. Nichts davon ist eine HS-spezifische Sonderuntersuchung. Der Punkt der neuen Leitlinie ist nicht, eine neue Untersuchung zu erfinden, sondern sicherzustellen, dass diese ohnehin bestehende Vorsorge bei Menschen mit HS nicht übersehen wird – etwa weil sich Termine überwiegend auf die Haut konzentrieren. Was Sie Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt sagen können Ein möglicher Einstieg in das Gespräch: „Ich habe Acne inversa (Hidradenitis suppurativa). Die neue europäische Leitlinie dazu empfiehlt, das kardiovaskuläre Risiko zum Erstbesuch und danach mindestens jährlich zu überprüfen. Können wir kurz schauen, ob mein Blutdruck und meine sonstigen Risikofaktoren aktuell erfasst sind?" Das ist keine Forderung nach einem bestimmten Test, sondern eine Einladung, das Thema explizit auf die Tagesordnung zu setzen – etwas, das sonst leicht untergeht, wenn ein Termin ausschließlich der Haut gilt. Was das nicht bedeutet - Es bedeutet nicht, dass Sie an einer Herzerkrankung leiden oder diese entwickeln werden. - Es bedeutet nicht, dass Sie zusätzlich zur Hausarztpraxis routinemäßig eine Kardiologie benötigen. - Es ist kein Grund, sich selbst Blutuntersuchungen zu verordnen oder auf einen bestimmten Test zu bestehen, ohne dass eine ärztliche Einschätzung dahintersteht. - Eine einzelne erhöhte Odds Ratio aus einer Beobachtungsstudie ist kein persönlicher Risikowert für Sie. Was die Evidenz nicht zeigt Die aktuelle Evidenz zeigt nicht, dass: - jede Person mit HS ein erhöhtes individuelles kardiovaskuläres Risiko hat; - eine bestimmte Untersuchung oder ein bestimmtes Intervall für jede Person unabhängig von Alter und Risikoprofil gleich angemessen ist; - eine wirksame HS-Behandlung das kardiovaskuläre Risiko bei HS zuverlässig senkt – die Evidenz dafür ist bislang hinweisend, nicht abschließend. Fazit Die neue europäische Leitlinie macht aus einem seit Jahren bekannten Zusammenhang – HS und erhöhtes kardiovaskuläres Risiko – eine konkrete, wiederkehrende Empfehlung: Erstbesuch, danach mindestens jährlich. Das ist kein Grund zur Sorge, sondern eine Einladung, eine Vorsorge, die Ihnen ohnehin zusteht, nicht wegen der HS-Termine zu vernachlässigen. Der nächste sinnvolle Schritt ist selten eine neue Untersuchung – meistens reicht die Frage, ob die bestehende noch aktuell ist. FAQ Bedeutet das, dass HS mein Herz krank macht? Das lässt sich aus den vorliegenden Studien nicht so sagen. Die Daten zeigen einen Zusammenhang auf Gruppenebene – Menschen mit HS haben in Studien höhere Raten bestimmter kardiovaskulärer Risikofaktoren und Ereignisse als Vergleichsgruppen. Das ist eine Assoziation aus Beobachtungsstudien, kein Nachweis, dass HS bei einer einzelnen Person eine Herzerkrankung verursacht. Muss ich jetzt zum Kardiologen? In der Regel nicht routinemäßig. Die empfohlene kardiovaskuläre Risikoeinschätzung – Blutdruck, Anamnese, ggf. Blutfette – ist eine hausärztliche Aufgabe. Eine Überweisung an die Kardiologie ist sinnvoll, wenn konkrete Symptome (Brustschmerzen, Atemnot bei Belastung), eine bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung oder ein deutlich erhöhtes Risiko bei der Basisuntersuchung vorliegen. Was, wenn meine Blutwerte bereits vor der HS-Diagnose gut waren? Dann bleibt eine regelmäßige Kontrolle trotzdem sinnvoll – die Empfehlung bezieht sich auf eine wiederkehrende Einschätzung über die Zeit, nicht auf einen einmaligen Test. Werte können sich verändern, und HS ist ein zusätzlicher, unabhängiger Grund, diese Kontrollen nicht zu vernachlässigen. Kann meine HS-Behandlung mein kardiovaskuläres Risiko senken? Möglicherweise, aber die Evidenz dafür ist bei HS selbst noch nicht abschließend. Die Parallele zu Psoriasis und rheumatoider Arthritis, wo eine wirksame Biologika-Therapie das kardiovaskuläre Risiko über die reine Hautverbesserung hinaus senkt, stützt diese Erwartung – ist aber keine für HS spezifisch bewiesene Tatsache. Der begleitende Artikel zu metabolischem Syndrom und Acne inversa behandelt das ausführlicher. Zählt die kardiovaskuläre Kontrolle zur normalen Kassenleistung, oder ist das etwas Extra wegen meiner HS? Es handelt sich um dieselbe allgemeine Vorsorge, die Erwachsenen in Deutschland ohnehin zur Verfügung steht (Blutdruckmessung immer, Blutfette und Blutzucker ab 35 Jahren regulär, davor risikoabhängig). HS begründet keinen eigenen zusätzlichen Kassenanspruch – der Punkt ist, diese bestehende Vorsorge tatsächlich zu nutzen. References 1. Jemec GBE, Villumsen B, van Straalen KR, et al. European S2k guidelines for hidradenitis suppurativa/acne inversa Part 1. Epidemiology, diagnosis and clinical assessment. - Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 2026 - https://doi.org/10.1111/jdv.70638 2. Reddy S, Strunk A, Garg A. Incidence of myocardial infarction, stroke, and cardiovascular-associated death among patients with hidradenitis suppurativa: a population-based analysis. - JAMA Dermatology 3. Egeberg A, Gislason GH, Hansen PR. Risk of major adverse cardiovascular events and all-cause mortality in patients with hidradenitis suppurativa. - JAMA Dermatology 4. Sabat R et al. Increased prevalence of metabolic syndrome in patients with acne inversa. - PLOS One 5. Garg A, Malviya N, Strunk A, et al. Comorbidity screening in hidradenitis suppurativa: Evidence-based recommendations from the US and Canadian Hidradenitis Suppurativa Foundations. - Journal of the American Academy of Dermatology, 2022 - https://doi.org/10.1016/j.jaad.2021.01.059